Wolfgang Ammer, News, 2004, Tuschfeder, laviert, Deckweiß/Papier (Foto: Christoph Fuchs)

Die Kunst der Erinnerung: Zum Nachlass Eva Brunner-Szabos

von der admin

Alexandra Schantl

Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt des Jahres 2017 im Sammlungsbereich „Kunst nach 1960“ war die wissenschaftliche Katalogisierung  und Inventarisierung des 2016 erworbenen Nachlasses der österreichischen Medienkünstlerin Eva Brunner-Szabo. Parallel dazu erfolgte die Konzeption einer retrospektiven Werkschau auf Basis signifikanter Werke aus dem Nachlass und nicht zuletzt die Herausgabe einer Publikation, die das auf Fotografie und Video fokussierte Schaffen der Künstlerin erstmals umfassend beleuchtet.

Als überaus hilfreich bei der Erschließung des Nachlasses erwiesen sich die auf eine externe Festplatte transferierten Kopien sämtlicher werkbezogener Bild- und Textdateien, die die Künstlerin auf ihrem zuletzt verwendeten Computer gespeichert hatte. Sie erleichterten nicht nur die Bestimmung und richtige Zuordnung der in zahlreichen Ausarbeitungsvarianten vorliegenden Fotoserien, sondern ermöglichten vor allem auch ein tieferes Verständnis ihrer künstlerischen Anliegen.

Eva Brunner-Szabo, geboren 1961 in Oberwart und 2012 in Wien verstorben, war promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, jahrelanges Vorstandsmitglied des Vereins „FLUSS - NÖ Initiative für Foto- und Medienkunst“ und seit 1991 im Team der Medienwerkstatt Wien, wo sie unter anderem die Herausgabe der „Video Edition Austria“ und die Kunstfilm-DVD-Reihe „Index“ betreute. 

Ein zentraler Aspekt in Brunner-Szabos Werk war die Auseinandersetzung mit individuellen und kollektiven Erinnerungsräumen, die sie nicht nur im historisch-politischen Sinn verhandelte, sondern auch in Bezug auf ihren eigenen Körper. 

Ihre zu Beginn der 1990er-Jahre entstandenen fotografischen Arbeiten, die sie als performative Selbstinszenierungen ausschließlich für die Kamera und ohne Publikum konzipierte, knüpften an die Tradition der sogenannten feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre an: Schon die Pionierinnen feministischer Kunst nutzten die Möglichkeit des Selbstauslösers oder die Funktion des Instant Feedbacks der Videokamera, um die mit der Subjekt- und Objektposition vor beziehungsweise hinter der Linse verbundene Macht aufzudecken und Konstruktionen weiblicher Identität kritisch zu hinterfragen. Ab 2005 griff Brunner-Szabo die Aktionsfotografie und damit den eigenen Körper als Gegenstand der Analyse erneut auf. Die Selbstinszenierungen für Serien wie  „Bandages“ oder „Fear in Pain“ fanden nun durchwegs in klaustrophobisch anmutenden Räumen (Keller, Dusche) statt und wurden jeweils in einer seriellen Abfolge von Farbfotografien, die Filmsequenzen ähneln, festgehalten. Sie zeigen die mit weißen Bandagen umwickelte oder an einen Stuhl gefesselte Künstlerin beim Versuch, sich davon zu befreien.  Bezug nehmend auf den Wiener Aktionismus ging es ihr bei diesen Arbeiten um eine Auseinandersetzung mit intensiven psychischen und physischen Erfahrungen und deren Transformation durch die kathartische Wirkung der Fotografie. Das Augenfällige ist der durch lange Belichtungszeit herbeigeführte und als konsequentes Stilmittel eingesetzte Unschärfe-Effekt, der das transitorische Moment unterstreicht und die Fotografien gewissermaßen als Dokumente des Verschwindens ausweist. 

Was Eva Brunner-Szabo an Fotografien besonders faszinierte, sind die in ihnen abgelagerten Erinnerungen, die sie wie eine Archäologin freizulegen trachtete, um „einem Moment vergangener Zeit Gegenwärtigkeit zu verleihen“ und die „Varietät der Geschichte(n) von Menschen“ aufzuzeigen. Deshalb arbeitete sie gerne mit gefundenen privaten Aufnahmen wie etwa bei den Serien „Suche nach dem Gedächtnis I“ oder „Family Album“, in denen die Mehrschichtigkeit tatsächlich auch in formaler Hinsicht Niederschlag fand. Durch das Verfahren der Belichtungsmontage wurden dabei verschiedene Aufnahmen so miteinander kombiniert, dass sich die Bilder wechselseitig durchdringen und mehrere Erzählungen miteinander verknüpfen. 

Auch einige ihrer Videoarbeiten beruhten nicht zuletzt auf ihrer Obsession, „Geschichten zu kompilieren, Fotorecherchen zu betreiben, Bilder ihrem Kontext zu entreißen und in einen neuen einzubetten“, sich „dem Wechselspiel zwischen Dokumentation und Inszenierung hinzugeben“, wie sie es selbst formulierte. Der Reiz des gefundenen, anonymen Foto- und Filmmaterials, das seiner ursprünglichen Erzählung verlustig gegangen war, bestand für sie darin, es mit neuen Geschichten aufzuladen, die ebenso wahr oder falsch sein könnten, aber glaubwürdig erschienen. Ihr Ziel dabei war es, über faktische und erfundene Erinnerung das kollektive Gedächtnis zu erkunden und mitunter auch Verdrängtes wachzurufen. Das gilt insbesondere auch für jene Arbeiten, die in langjähriger Zusammenarbeit mit dem Historiker Gert Tschögl unter dem Label „memoryPROJECTS“ ab 1995 entstanden sind. Beispielhaft für die gemeinsame, auf der Methode der „Spurensicherung“ basierende Arbeitsweise ist etwa das „Tagebuch der Republik“, eine Serie von 38 Fotoplakaten, die zwar jeweils Zitate aus Interviews mit realen ZeitzeugInnen beinhalten, aber in Kombination mit anonymen Amateurfotos zu einem kollektiv erzählten, die Jahre 1918 bis 1955 betreffenden Stück Zeitgeschichte aus der Sicht einer fiktiven Tagebuchschreiberin werden. Von Oktober 1994 bis Juli 1995 waren die Plakate im wöchentlichen Wechsel an fünf verschiedenen Orten in Stationsbereichen von U-Bahn und Schnellbahn in Wien ausgestellt. 

Dank einer Kooperation mit dem Verein „FLUSS – NÖ Initiative für Foto- und Medienkunst“ konnte  ein bedeutsamer Teil des Nachlasses Eva Brunner-Szabos im Rahmen einer Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die retrospektive, von der Autorin konzipierte Werkschau war vom 24. September bis 29.Oktober 2017 im Schloss Wolkersdorf zu sehen. Anlässlich der Eröffnung gab es ein Round-Table-Gespräch mit wichtigen WegbegleiterInnen der Künstlerin. Darüber hinaus fand am 29. September 2017 in der Medienwerkstatt Wien ein Video-Screening statt.

Begleitend dazu erschien eine umfangreiche Publikation mit Beiträgen von Eva Brunner-Szabo, Kati Eckstein, Nikolaus Kratzer, Gerda Lampalzer, Manfred Neuwirth, Alexandra Schantl, Wolfgang Sohm, Timm Starl und Gert Tschögl sowie einer  von der Medienwerkstatt Wien produzierten  DVD mit ausgewählten Videoarbeiten der Künstlerin:

„Eva Brunner-Szabo“, Verlag Fotohof edition, Band 253, Salzburg 2017, herausgegeben vom Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Kunst und Kultur in Kooperation mit dem Verein „FLUSS – NÖ Initiative für Foto- und Medienkunst.

Link zum Buch

 

 

 

 

 

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