Wolfgang Ammer, News, 2004, Tuschfeder, laviert, Deckweiß auf Papier © Landessammlungen NÖ
Wolfgang Ammer, News, 2004, Tuschfeder, laviert, Deckweiß auf Papier © Landessammlungen NÖ

In Memoriam Elfriede Mejchar

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Elfriede Mejchar 1924 -2020

Elfriede Mejchar, 1924 in Wien geboren und in Niederösterreich aufgewachsen, war fast vierzig Jahre im Dienste des österreichischen Bundesdenkmalamtes tätig, wo ihre Aufgabe in der fotografischen Dokumentation von Baudenkmälern und Kunstwerken bestand. Doch die Pflicht geriet bei Elfriede Mejchar immer zur Kür. Denn sie verstand es wahrlich meisterhaft, in den schlichten Schwarz-Weiß-Fotografien nur durch Licht eine Plastizität und Lebendigkeit zu erzeugen, die die Schönheit der Form von Gegenständen und Gebäuden perfekt zur Geltung bringt.

Diese im Zuge ihrer Berufsausübung entstandenen Aufnahmen illustrieren zahlreiche Bände der „Österreichischen Kunsttopographie“ und andere wichtige Publikationen zur Kunst- und Architekturgeschichte Österreichs.

Parallel zu diesen Arbeiten im Auftrag entwickelte Elfriede Mejchar bereits ab Mitte der 1950er-Jahre eigene künstlerische Schwerpunkte und Themenfelder, die sie oft über Jahrzehnte hinweg fotografisch bearbeitete. Ihr umfangreiches Œuvre spiegelt in all seinen Facetten einen sehr persönlichen und authentischen Blick auf die Wirklichkeit wider. Ihr vorrangiges Interesse galt von Anfang an weniger dem Menschen als vielmehr den Spuren, die er in der Natur und im Stadtraum hinterlässt sowie den vermeintlich bedeutungslosen, hässlichen oder ruinösen Dingen, die sie mittels ihrer Fotografien vor dem endgültigen Verschwinden bewahren wollte.

Die Hinwendung zu bislang nicht als bildwürdig Erachtetem, wie es pionierhaft von Walker Evans im Amerika der Great Depression oder in Deutschland ab Ende der 1950er-Jahre von Bernd und Hilla Becher in Bezug auf eine niedergehende Industriekultur vorweggenommen wurde, war auch die Triebfeder Elfriede Mejchars zu Zeiten des österreichischen Wirtschaftswunders.

Mit ihrer Obsession für Landschaften, die von Strommasten, Autowracks und anderem Zivilisationsmüll „verschandelt“ sind, wurde sie zu einer maßgeblichen Wegbereiterin einer neuen fotografischen Sichtweise der Wirklichkeit, die den dokumentarischen Aspekt mit einer konzeptuell-seriellen Denkweise verbindet und idealtypische Vorstellungen bewusst ausblendet.

So zählt etwa die im Zeitraum 1967 bis 1976 entstandene Fotoserie über die Simmeringer Haide und den Erdberger Mais zu den Schlüsselwerken ihres Schaffens. Zumal sie damit im Jahr 1976 auch ihre erste Einzelausstellung im Museum des 20. Jahrhunderts bestritt. Durch dramatische Wolkenstimmungen und spezielle Tonungsverfahren romantisch gebrochen, zeigen diese Aufnahmen eine verwahrloste Gegend mit verwilderten Grünflächen und verlassenen Fabriken an der südöstlichen Peripherie Wiens. Mittlerweile gelten diese Aufnahmen nicht nur als Ikonen der österreichischen Fotografie, sondern auch als wichtiges Zeugnis eines rasanten Urbanisierungsprozesses.

Darüber hinaus wurde sie bis Mitte der 1990er-Jahre vom Institut für Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Industriearchäologie der Technischen Universität Wien mit der fotografischen Bestandsaufnahme des industriellen Erbes in den österreichischen Bundesländern beauftragt. In Anbetracht dessen, dass viele dieser Industriedenkmäler heute nicht mehr existieren, ist dieses Konvolut heute von unschätzbarem historischen Wert und ebenso großem Forschungsinteresse.

Neben dem reichen Fundus an Fotografien, die dem Anspruch und der Ästhetik des Dokumentarischen folgen, umfasst Elfriede Mejchars Œuvre auch eine Vielzahl von reinen Atelierarbeiten, deren Motivik von Pflanzenstudien über skurrile Stillleben bis hin zu Collagen und Experimenten mit Sandwichtechnik reicht.

Wenngleich Elfriede Mejchar unbestritten zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der österreichischen Fotografie zählt, erfuhr sie erst im hohen Alter die ihr gebührende öffentliche Anerkennung, nämlich 2002 durch den Würdigungspreis für künstlerische Fotografie des Bundeskanzleramtes und 2004 durch den Würdigungspreis für künstlerische Fotografie des Landes Niederösterreich sowie den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst.

Im Jahr 2013 hat Elfriede Mejchar ihr Gesamtwerk als Schenkung dem Land Niederösterreich überantwortet. „Die Landessammlungen Niederösterreich haben damit die ehrenvolle Aufgabe übernommen, dieses einzigartige Œuvre für nachfolgende Generationen zu sichern und es sukzessive öffentlich zugänglich zu machen“, betont Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner.

Elfriede Mejchar, Industrie Fohnsdorf, 1985
Elfriede Mejchar, Industrie Fohnsdorf, 1985

Elfriede Mejchar, Nobody is perfect, 2005
Elfriede Mejchar, Nobody is perfect, 2005, Inv.Nr. KS-17711/12

Elfriede Mejchar, Amaryllis, 1997
Elfriede Mejchar, Amaryllis, 1997, Inv.Nr. KS-9676/1

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