Capturing Archaeological Reality
von pflege
Archäologische Objekte sind räumliche Gegenstände. Dennoch werden sie in Datenbanken, Publikationen und Ausstellungen meist durch Fotografien aus wenigen festgelegten Blickwinkeln wiedergegeben. Für viele Funde ist dies eine geeignete und vergleichsweise zeitsparende Form der Dokumentation. Eine dreidimensionale Erfassung bietet vor allem dort einen zusätzlichen Wert, wo Form, Bedeutung, Zugänglichkeit oder erwartete Nutzung eines Objekts dies begründen.
Das Projekt Capturing Archaeological Reality (CARe) lief über eineinhalb Jahre und wurde Ende Juli 2026 abgeschlossen. Es verband die fotografische Erfassung größerer archäologischer Bestände mit einem Schwerpunkt auf der 3D-Digitalisierung ausgewählter Objekte. Im Rahmen des zweiten Calls des Förderprogramms „Kulturerbe digital“ erfassten die Landessammlungen Niederösterreich insgesamt 3.137 Objekte aus den Sammlungsbereichen Römische Archäologie sowie Urgeschichte und Historische Archäologie. Darunter wurden mehr als 800 ausgewählte Objekte als hochaufgelöste, fotorealistische 3D-Modelle digitalisiert und online zugänglich gemacht.
Das bewusst ambitionierte Mengengerüst diente nicht allein dazu, eine große Zahl an Modellen herzustellen. Ein qualitativ anspruchsvoller Workflow sollte unter realen Bedingungen in größerem Umfang erprobt, aufeinander abgestimmt und standardisiert werden. Zugleich wurden die technischen, methodischen und personellen Voraussetzungen geschaffen, um geeignete Objekte auch über die Projektlaufzeit hinaus dreidimensional erfassen zu können.
Eine hohe Zahl, aber keine beliebige Auswahl
Trotz des ambitionierten Projektziels wurden nicht willkürlich Objekte ausgewählt, um die vorgesehene Zahl möglichst rasch zu erreichen. Im Mittelpunkt standen Funde, bei denen ein konkreter Bedarf oder eine intensive Nachnutzung der erzeugten Daten zu erwarten war.
Für eine dreidimensionale Erfassung konnten objektbezogene Gründe wie eine komplexe Form, besondere Oberfläche, schwer verständliche Funktionsweise oder Fragilität sprechen. Ebenso berücksichtigt wurden die historische und wissenschaftliche Bedeutung, konkrete Fragen aus Forschung und Restaurierung sowie eine geplante Nutzung in Ausstellungen, Bildungsprojekten oder der digitalen Vermittlung. Auch schwer zugängliche und häufig angefragte Objekte kamen infrage.
Diese Kriterien bildeten gemeinsam den fachlichen Rahmen der Auswahl, mussten jedoch nicht auf jedes Objekt gleichermaßen zutreffen. Berücksichtigt wurden sowohl bekannte Sammlungshöhepunkte als auch bislang weniger beachtete Funde, die erst durch gezielte Recherchen in Depots und Fundkonvoluten in den Blick rückten.
Entscheidend war somit nicht allein die technische Machbarkeit, sondern der nachvollziehbare Nutzen eines Modells für Dokumentation, Forschung, Erhaltung oder Vermittlung. Diese Kriterien bilden auch künftig die Grundlage für die Auswahl geeigneter Objekte.
Von der räumlichen Aufnahme zum überzeugenden ModellObjekte lassen sich mittlerweile mit vergleichsweise leicht zugänglichen und kostengünstigen Verfahren dreidimensional erfassen, etwa durch Smartphone-Apps oder Handscanner. Bei CARe wurde jedoch bewusst nicht die schnellste Methode zur Herstellung einfacher Modelle gewählt. Ziel war eine möglichst wirklichkeitsnahe Wiedergabe, bei der neben der räumlichen Gestalt auch Farben, Oberflächen, Bearbeitungsspuren, Verzierungen und Beschädigungen erkennbar bleiben.
Mit der Aufnahme der Bildsequenzen und der automatischen Berechnung eines ersten Modells ist die Arbeit keineswegs abgeschlossen. Gerade bei manchen im Internet veröffentlichten 3D-Modellen zeigt sich, dass Aufnahme und automatische Berechnung allein noch kein überzeugendes Ergebnis gewährleisten. Mindestens ebenso wichtig ist die anschließende Nachbearbeitung.
Dabei werden geometrische Fehler korrigiert wie u.a. Fehlstellen geschlossen, ursprünglich offene Hohlräume rekonstruiert und digitales Rauschen oder scheinbar frei schwebende Partikel entfernt. Auch Unterschiede in Farbe und Beleuchtung auf der Oberfläche müssen ausgeglichen werden.
Zugleich entstehen bei der Berechnung zunächst sehr große Datenmengen. Diese müssen so optimiert werden, dass die Modelle im Webbrowser oder auf Medienstationen flüssig dargestellt werden können, ohne ihren detaillierten und hochwertigen Gesamteindruck zu verlieren. Erst durch diese technische und gestalterische Überarbeitung wird aus dem automatisch berechneten Ausgangsmodell ein visuell überzeugendes und verlässlich nutzbares Digitalisat.
Um diesen Qualitätsanspruch bei mehr als 800 Objekten innerhalb der Projektlaufzeit einzuhalten, wurden wiederkehrende Arbeitsschritte standardisiert und teilweise automatisiert. Aufnahme, unmittelbare Qualitätskontrolle, Berechnung, Nachbearbeitung, wissenschaftliche Erfassung und Veröffentlichung wurden eng miteinander verbunden. Dadurch konnten unnötige manuelle Wiederholungen reduziert werden, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen.
Über das Aufnahmeverfahren und die im Projekt eingesetzte Verbindung von Fokusstacking und Fotogrammetrie wurde bereits im Tätigkeitsbericht „Im Bestand 2025“ der Landessammlungen Niederösterreich (LSNÖ) ausführlicher berichtet.
Wenn sich die Funktion erst durch Bewegung erschließt
Welchen zusätzlichen Zugang ein 3D-Modell eröffnen kann, zeigt ein im Projekt digitalisierter Armreif aus dem Sammlungsbereich Urgeschichte und Historische Archäologie. Er besitzt einen ungewöhnlichen Öffnungs- und Schließmechanismus. Auf einzelnen Fotografien ist kaum verständlich, wie das Schmuckstück geöffnet, angelegt und wieder verschlossen wurde.
Das 3D-Modell ermöglicht nicht nur die Betrachtung aus unterschiedlichen Richtungen, sondern bildet auch die Grundlage für eine Animation der Bewegungsabläufe. Das Digitalisat dokumentiert damit nicht allein das Aussehen des Objekts, sondern macht auch seine ursprüngliche Funktionsweise und Handhabung nachvollziehbar.
Die veröffentlichten Modelle können frei gedreht, vergrößert und aus Blickwinkeln betrachtet werden, die in einer Vitrine oder auf einer klassischen Fotografie nicht zugänglich sind. In Ausstellungen lassen sie sich beispielsweise über Medienstationen oder QR-Codes einsetzen, um Rückseiten, Unterseiten und kleine Details sichtbar zu machen.
Darüber hinaus können die Modelle als Grundlage für 3D-Drucke oder digitale Rekonstruktionen dienen. Reproduktionen könnten etwa bei Leihgaben oder Restaurierungen vorübergehend eine Leerstelle in einer Ausstellung überbrücken. Bei fragmentiert erhaltenen Funden lassen sich mögliche ursprüngliche Erscheinungsbilder veranschaulichen, sofern erhaltene Bestandteile und hypothetische Ergänzungen eindeutig voneinander unterscheidbar bleiben.
Eine Infrastruktur für weitere Bestände
Die Landessammlungen Niederösterreich verwahren rund sechs Millionen Objekte. Nur ein Teil davon benötigt eine dreidimensionale Dokumentation. Die im Projekt entwickelten Verfahren ermöglichen es jedoch, künftig weitere geeignete Funde bedarfsbezogen und in hoher visueller Qualität zu erfassen.
Für die Umsetzung und methodische Absicherung arbeitete das Projekt mit dem Zentrum für Museale Sammlungswissenschaften der Universität für Weiterbildung Krems zusammen. Im Rahmen dieser Kooperation wurde eine auf 3D-Digitalisierung spezialisierte Fachkraft beschäftigt, die die technische Erfassung und Nachbearbeitung der Modelle durchführte und die eingesetzten Verfahren während der laufenden Arbeit an Mitarbeitende der Landessammlungen vermittelte.
Mit dem Abschluss des Projekts endet die 3D-Digitalisierung jedoch nicht. Die mehr als 800 entstandenen Modelle stehen zugleich für einen erprobten Workflow, dauerhaft verfügbares Fachwissen und eine technische Infrastruktur, mit der weitere Objekte nach fachlich begründeten Kriterien dreidimensional dokumentiert werden können.
3D-Digitalisierung ersetzt weder das Original noch die klassische Objektfotografie oder die wissenschaftliche Beschreibung. Richtig eingesetzt ergänzt sie diese Formen der Dokumentation um die räumliche Qualität eines Gegenstands. Ihr besonderer Wert zeigt sich dort, wo sie Form, Oberfläche, Funktion und Zusammenhänge verständlicher macht und neue Möglichkeiten für Forschung und Vermittlung eröffnet.

Auswahl an Objekten auf Sketchfab

Screenshot der ausgerichteten Fotos eines Objekts (Inv.Nr. CAR-M-3074)



